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Text zum Katalog „homestory”,
einer Ausstellung in der Maschinenhalle Zeche Scherlebeck, Herten 2011
von Susanne Buckesfeld M.A.

Im Zentrum der Ausstellung „homestory” von Sylvie Hauptvogel steht das Werk „Familienalbum”, ein klassisch gebundenes Foto-Buch, wie es viele von uns im Wohnzimmerschrank stehen haben. Doch befinden sich wider Erwarten keinerlei Fotografien in dem Buch - mitnichten präsentieren die Seiten Erinnerungen an die besonderen Ereignisse einer Familiengeschichte wie Hochzeit, Geburtstage, Jubiläen und Urlaube. Die üblichen Stationen eines Familienlebens, die „homestory”, lassen sich keineswegs verfolgen, blättert man in diesem Album. Stattdessen hat sich Sylvie Hauptvogel in dem leer gebliebenen Buch der dünnen, durchsichtigen Trennblätter angenommen, die ursprünglich dazu bestimmt sind, die empfindlichen Oberflächen der Fotoabzüge zu schützen. Genau diese Seiten, die eigentlich keine bildhafte Funktion innehaben, hat sie mit feinen, floral anmutenden Stickereien besetzt. Durch die dünne Papierschicht sind rückseitig Knoten und Fadenenden als Spuren der Herstellung, des Stechens und Durchziehens, sichtbar. Sie offenbaren - anders als bei den meisten Familienfotos - gleichsam die Kehrseite des Schönen: das Verletzende und Gewaltsame, das hinter der Oberfläche lauert. In Verbund mit den ansonsten leeren Seiten macht Sylvie Hauptvogel damit überdeutlich, was meist nicht ins Familienalbum kommt: Nur das Angenehme und Erinnerungswerte füllt - zu recht - unsere Alben, was nicht ins Bild passt, bleibt außen vor und wird damit dem Vergessen anheim gegeben. Die ornamentalen Verzierungen erfolgen allerdings nicht zufällig: Mit ihrer Stickerei hat sich die Künstlerin an der den Blättern eingeprägte, zarte Netz-Struktur orientiert, um sie ihrer sonstigen Unsichtbarkeit zu entheben. Wer aufmerksam hinschaut, kann dort eine Spinne bemerken, die unauffällig inmitten der netzartigen Prägestruktur platziert ist. Sie ist die unscheinbare Hüterin der Fäden, die - wie die Stränge einer Erzählung - teils bei ihr zusammen laufen und hier ihr Zentrum finden, teils unabhängig von ihr vorsichtig ein Eigenleben führen. Im Zusammenhang mit dem Thema Familie drängt sich an dieser Stelle der Verweis auf die im letzten Jahr verstorbene Künstlerin Louise Bourgois auf. Diese hatte 1999 die Skulptur einer überdimensionalen eisernen Spinne auf dünnen, spitzen Beinen irritierenderweise „Maman”, also Mama, genannt. Das traditionelle Bild einer Geborgenheit ausstrahlenden Mutter wird auf diese Weise eindrucksvoll konterkariert. Vielmehr erscheint die sorgende weibliche Elternfigur beängstigend kämpferisch, wenngleich nicht weniger würdevoll, wie die französischstämmige Künstlerin selbst sagte. So wie Bourgois für ihre Kunst aus der persönlichen Familiengeschichte schöpfte, ist auch für Sylvie Hauptvogel die eigene Biographie Hinter- und Beweggrund der künstlerischen Arbeit.

Nicht umsonst hat sie die Installation in der Maschinenhalle der Zeche Scherlebeck „homestory” genannt. Mit diesem Begriff aus dem Journalismus werden solche Berichte in Zeitungen und Illustrierten, in Radio und Fernsehen bezeichnet, die in den Wohnungen von Prominenten entstehen und die es uns scheinbar erlauben, einen Blick in das private Umfeld der ansonsten nur aus dem öffentlichen Leben bekannten Persönlichkeiten zu erhaschen. Mit einer zumeist sorgfältig kalkulierten Präsentation wird ein Eindruck von Nähe vermittelt, der wegen seines emotionalen Gehalts besonderes Interesse wecken will. Eine solche Inszenierung begegnet uns auch hier. So wie die Stickerei im Familienalbum von der Brüchigkeit individuellen Glücks erzählt, so bergen die Objekte der Installation „homestory” die persönlichen Motive der Künstlerin wie ein Geheimnis, das sich nur erahnen lässt.

In der riesigen, unwirtlichen Halle der Zeche Scherlebeck ließen sich wohlbekannte Gegenstände aus dem Alltag einer längst vergangen geglaubten Zeit entdecken. Auf den ersten Blick ist der Installation „homestory” eine spielerische Leichtigkeit zu eigen, die sich erst bei genauerem Hinsehen als hintergründig erweist. Es sind die Dinge des häuslichen Lebens, die gewöhnlich in einem sehr privaten Verhältnis zu ihren Besitzern stehen, die Sylvie Hauptvogel ausgewählt hat. So haben mechanische Personenwagen in einer Reihe auf quadratischen Betonplatten einen Platz gefunden und zeigen mit schwankenden Zeigern den Moment der Wahrheit an. Erst wenn man näher herantritt, entdeckt man, dass hier alles andere als das Körpergewicht gemessen werden soll: „Wie schwer wiegt Deine Seele?” ist der Titel der Arbeit. Auf ebenso private Handlungen wie das Wiegen des Gewichtes beziehen sich die bestickten Stofftaschentücher, auch wenn heutzutage kaum jemand mehr seine verschnupfte Nase damit putzt. Höchstens als Einstecktuch finden sie noch Verwendung, obwohl ein zum Trost gereichtes Taschentuch - wie in alten Tagen - durchaus höflichen Respekt vor den Tränen anderer zum Ausdruck bringen könnte. Selbst wenn zum Abschied einmal Taschentücher gewunken werden, sind auch diese heute zumeist aus Papier. Sylvie Hauptvogel kombiniert das Stück Stoff, das in seiner ursprünglichen Funktion dem Körper so überaus nahe ist, mit knallrosa Lockenwicklern. So ergibt sich eine ganz neue Bedeutungsebene, die humorvoll an den alten Brauch erinnert, das Haar eines geliebten Menschen als romantische Reliquie zu verehren: „Lass Dein Haar herab und schenk mir eine Locke von Dir” lautet der Text, mit dem die Taschentücher bestickt sind. In einem nicht minder vertraulichen Verhältnis zum Körper stehen die gesammelten Gummi-Wärmflaschen. Sie hat die Künstlerin in Bezüge gehüllt, auf denen die Silhouette einer Heizung zu sehen ist. Wie bei den längst ausrangierten Thermosflaschen, von langen, gestrickten, sockenartigen Schläuchen umhüllt, ist es das Anliegen der Künstlerin, mit diesen „Heizkörpern” das Bedürfnis nach emotionaler Wärme und körperlicher Nähe auf augenzwinkernde Weise zu versinnbildlichen. Ganz ähnlich verhält es sich bei ihren komplett handgefilzten Objekten mit dem Titel „Innenleben”. Sie sind gleichsam aus einem Guss gemacht; ohne zu nähen hat Sylvie Hauptvogel Heimtextilien wie Wolldecken und Waschlappen in die grauen Umschläge eingefilzt. Durch vertikale oder gekreuzte Schnitte stellen die Filz-Umschläge ihr Inneres zur Schau. Heimtextilien, die auf intime Weise mit dem Körper in Berührung gekommen sind, werden damit den Blicken zugleich entblößt und doch vor allzu großer Neugier geschützt. Die weibliche Konnotation ist offenkundig. Zweifellos drängt sich außerdem die Assoziation an Joseph Beuys auf, der den Filz in der Kunst erst salonfähig gemacht hat. Ging es dem großen Schamanen um die Erstellung eines in sich relativ geschlossenen Systems, in dem der Filz in seinem symbolischen Gehalt als Wärme-Isolator auf einen neuen Gesellschaftsentwurf bezogen wurde, betont Sylvie Hauptvogel bei ihren Filzobjekten die sinnliche Qualität ihres Werkstoffs: Während des durchaus langwierigen und kraftaufwändigen Prozess des Filzens lässt sich die Künstlerin vom Geruch der Schafswolle anregen, den Eigenschaften der Fasern beim Walken mit Lauge und der rauen Weichheit des fertigen Materials. Auch sie verbindet Wärme mit dem Filz, doch bleibt diese emotionale Qualität unbestimmter als bei Beuys und damit offen für individuelle Deutungen. Die haptische Qualität der Textilien lädt zudem explizit zum Anfassen ein.

Sowohl die Gegenstände, die Sylvie Hauptvogel verwendet, als auch die Handarbeitstechniken, mit denen sie diese bearbeitet, sind keineswegs neu und ungesehen, sie gehören vielmehr einer anderen, längst vergangenen Zeit an, die jedoch in unsere Tage hineinreicht. Wir meinen die ironisch-nostalgischen Fundstücke zu kennen und knüpfen ganz unmittelbar eigene Erinnerungen an sie. Sylvie Hauptvogel hat sie dem Fluss der Zeit und dem Gang alles Irdischen vorerst entrissen, indem sie sie sammelt, verwahrt und für ihre künstlerische Auseinandersetzung wiederverwendet. Doch schafft sie daraus keine Assemblagen wie andere Künstler vor ihr, die Weggeworfenes sammelten, z.B. Jean Tinguely oder Ed Kienholz, noch baut sie aus den Fundstücken skurril-trashige Environments nach Art so mancher Zeitgenossen. Mit ihren künstlerischen Setzungen aus Stricken, Häkeln, Sticken und Filzen - überwiegend weiblich konnotierten Techniken - betont sie die den Gegenständen innewohnende Qualität oder verkehrt sie in ihr Gegenteil, sie enthüllt Verborgenes oder fügt in absurden Kombinationen Neues hinzu. Was andere in großen Entrümpelungsaktionen und Haushaltsauflösungen dem Abfall überantworten, stößt bei der Wuppertaler Künstlerin auf Faszination. Im Internet oder auf dem Sperrmüll, bei Freunden und Bekannten oder auch bei den älteren Mitgliedern der eigenen Familie findet Sylvie Hauptvogel diese Alltagsgegenstände oder lässt sich von ihnen finden. Es sind die Spuren ihres Gebrauchs, worin für die Künstlerin ihr Reiz besteht. In ihnen manifestiert sich gelebtes Leben, die Spuren eines privaten Umgangs mit den Dingen. Gerade die alten Dinge sind es, die Erinnerungen an die eigene Familie hervorrufen, an Gewohnheiten und Eigenarten mehr oder weniger geliebter Personen, deren Persönlichkeit sich durch den spezifischen Gebrauch in den Dingen einschreibt und dort zurückbleibt. Aber nicht nur persönliche Erinnerungen verbinden sich mit den Objekten, diese verweisen auch auf eine gesellschaftlich relevante Ebene, denn es handelt sich hier um weit verbreitete Reste einer Lebensart aus dem vergangenen Jahrhundert. Die Fundstücke entstammen einer Zeit, die der Künstlerin kulturhistorische Heimat ist. Sie erzählen etwas über Werte und Gebräuche der Vergangenheit, die heute rudimentär weiterleben. Umgekehrt offenbaren sie ein Bild der heutigen Gesellschaft, die solcherlei aus ihrem Zentrum ausscheidet, und erlaubt damit Rückschlüsse auf das, was gegenwärtig allgemein als wertvoll erachtet wird: glitzernde Oberflächen, die nichts über ihr Innenleben verraten, Gegenstände, die auf kurze Haltbarkeit angelegt sind, ein Konsum, der aus immer schneller aufeinander folgenden Moden getaktet ist. Die Entscheidung, welche Dinge Sylvie Hauptvogel den Zeitläuften enthebt, erfolgt intuitiv und entzündet sich meist an dem als reizvoll erachteten, altmodischen Aussehen der Dinge und ihrer spezifischen Materialität. Erst im Nachhinein findet die Künstlerin einen Bezug zu ihrer persönlichen Biographie und verleiht den Dingen damit einen Sinn. Dieser ist jedoch nicht festgelegt, sondern findet in den Geschichten und Erfahrungen der Betrachter jeweils neue, eigene Bezugspunkte.

So ist jede und jeder eingeladen, sich von den Dingen berühren zu lassen, um auf verborgene Erinnerungen zu stoßen. Zum Dialog über solch „wärmende Gedanken” hat Sylvie Hauptvogel während der Vernissage mit ihren „kaltgestellten” Häppchen angeregt - auch dies eine Esskultur aus der Vergangenheit, als Käsespieße mit Weintrauben, Fliegenpilze aus hartgekochten Eiern mit mayonnaisegepunktetem Tomatendach und diverse Schnittchen den vergleichsweise bescheidenen Wohlstand der Wirtschaftswunderjahre auf den Tisch brachten. In ihnen zeigt sich ein Wert, der in Zeiten von Fastfood und Coffee to go häufig zu kurz kommt: sich Zeit zu nehmen, zusammen zu essen, das Zusammensein zu feiern. Mit ebenso böser wie zärtlicher Ironie präsentiert Sylvie Hauptvogel die alten Träume vom häuslichen Glück, die in kalten Platten, bestickten Schürzen oder in mit Blumenornamenten besetzten Bordüren zum Ausdruck kommen. Allerdings unternimmt sie dies weder, um sie ad absurdum zu führen und der Lächerlichkeit preiszugeben, noch um sie in einem restaurativen Akt für die Gegenwart gänzlich zu konservieren. Die Künstlerin wählt sehr genau aus, was der „Wohltat des Vergessens” (Nietzsche) zuzurechnen ist und was es wert ist, gegen die weitgehende Rationalisierung und Effizienzsteigerung der Welt als Bewahrenswert verteidigt zu werden. In enger Verbindung zur eigenen Kindheit stehend, stellen die ausgewählten Objekte für Sylvie Hauptvogel nicht nur eine Möglichkeit dar, die persönliche Familiengeschichte künstlerisch zu transformieren und die Deutungsmacht über die eigene Biographie zu gewinnen, sondern es gelingt ihr außerdem, die Betrachter auf dem Wege der kollektiven Erinnerung nicht ohne Humor zu ebensolchen individuellen Umdeutungen der je eigenen Geschichte zu bewegen. In der Verschränkung von sehr persönlicher Bedeutung und gesellschaftlicher Reichweite, von Ironie und Intimität, Härte und Zartheit liegt die besondere Qualität ihrer Kunst.

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