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2015, 16. Turmstipendium /
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Text von Annette Theyhsen zu dem Katalog „16. Gelderner TurmStipendium”, 2015


Sylvie Hauptvogel - Modular Landscape

Sylvie Hauptvogel beschäftigt sich mit Alltagsdingen. Was sie und uns umgibt betrachtet sie mit dem künstlerischen, analytischen Auge. So hat sie für den Wasserturm eine Rauminstallation geschaffen, in der Unterwäsche das Ausgangsmaterial war. Hatte sie zuvor in früheren Arbeiten Unterwäsche - im Stil und Schnitt aus Omas Zeiten - für den Materialdruck verwendet, so nimmt sie während des Stipendiums die Unterwäsche und formt sie zu einzelnen Objekten. In ihrer Etage fügt sie sie am Ende zu einer freien und spielerischen Figur zusammen, die auch einlädt, Veränderungen vorzunehmen. Ausgestopft mit Füllwatte präsentieren sich Feinripp, Breitripp und Frottee, unifarben in weiss oder bunt bedruckt. In Abhängigkeit von Farbe und Form wurden sie von der Künstlerin angeordnet. Feinripp und Breitripp lösen zunächst Erinnerungen an früher aus. Diese Art von Unterhosen trugen unsere Omas und wurden von manch einem auch liebevoll als Schinkensäcke bezeichnet. Der Frottee Buntdruck erinnert an die 7Oger Jahre und deren Modebewusstsein. Aber über diese spontanen Erinnerungen hinaus geht es der Künstlerin vor allem darum, alte Materialien auf ihre Objekthaftigkeit und ihre formalen, grafischen Qualitäten zu untersuchen. Der runde Turm hat sie dazu inspiriert aus dieser Unterwäsche Objekte zu formen, die weich und anschmiegsam, ohne Ecken und Kanten, eine Antwort auf die Rundung des Turms geben. Die Anordnung wird bestimmt durch die grafischen Strukturen des jeweiligen Stoffes oder seines Druckes und der sich daraus ergebenden Rhythmisierung des gesamten Objektes und des Raumes. Die Form der Unterhose wird modelliert und erfährt dadurch eine Abstraktion, die sich in der Anordnung von Mustern und Farben fortsetzt. Der Fein- oder Breitripp dehnt sich unterschiedlich stark aus und verändert dadurch seine grafische Erscheinung. Manche Stücke sind aus so dünnem Stoff, dass die Struktur der Füllwatte durchschimmert. Alle diese Gegebenheiten sind Gegenstand der Untersuchung durch die Künstlerin und finden einen Platz in ihrer Landschaft.

Damit spricht Sylvie Hauptvogel sowohl die Sinne des Betrachters als auch seine Erinnerungen, seine Abstraktions- und seine Imaginationsfähigkeit an. Das Objekt hat für sie einen Modellcharakter, an dem weitere Studien betrieben werden können. Es ist eine modulare Landschaft, die verändert, erweitert oder auch reduziert werden kann. Ein weiterer wichtiger Aspekt dieses Objektes ist die in ihm gespeicherte Wärme und Energie. Vielfach getragen, ebenso vielfach erwärmt und Schutz gebend lösen die weichen Formen des Objektes die Assosziation an etwas Wohliges aus. Unterwäsche kann warm sein, sich sehr angenehm auf der Haut anfühlen und zu unserem Wohlbefinden beitragen.

Die Materialerforschung und den vielfältigen Möglichkeiten, die sich gestalterisch daraus ergeben, haben Sylvie Hauptvogel zu einem zweiten Projekt während des Turmstipendiums angeregt. Sie hat sich mit der Herstellung von Kernseife beschäftigt und zwei große Stücke dieser selbst hergestellten Seife haben am Ende einen Platz im Ausstellungsbereich gefunden. Für den Betrachter gab es Handzettel, in dem akribisch Definitionen und Herstellungsverfahren von Seife aufgelistet waren. Der tägliche und selbstverständliche Gebrauch von Seife hat sie hier angeregt, sich auch mit diesem Material zu beschäftigen.

Indem sich die Künstlerin mit Alltagsdingen auseinandersetzt, ihre Materialität erforscht und daraus neue Objekte entstehen lässt, eignet sie sich die Welt an und lädt uns ein, diesen Weg nachzuvollziehen oder auch weiter mit ihr zu gehen.

Annette Theyhsen

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